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25.02.2016

Interview Bundesbank: Trend zur Kartenzahlung zeichnet sich ab

kartensicherheit.de sprach mit Dr. Heike Winter, verantwortlich für Grundsatzfragen des Massenzahlungsverkehrs bei der Bundesbank in Frankfurt, über das Zahlungsverhalten in Deutschland und die Chancen von innovativen Bezahlverfahren auf dem deutschen Markt.

kartensicherheit.de: Laut der Bundesbank-Studie zum Zahlungsverhalten der Deutschen 2015 bleibt der Bargeldanteil seit Jahren konstant bei 53%. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Dr. Heike Winter*:
Sie beziehen sich auf die Umsätze. Dabei ist die Verwendung von Bargeld 2014 mit 53 Prozent der Umsätze in der Tat unverändert im Vergleich zur letzten Studie von 2011. Gemessen an der Transaktionszahl können wir allerdings einen leichten Rückgang feststellen, von 82% im Jahr 2011 auf 79% im Jahr 2014.

Zahlungsgewohnheiten verändern sich grundsätzlich nur langsam. Denn im Zahlungsverkehr haben Anbieter mit dem "Henne-Ei-Problem" zu kämpfen: Händler akzeptieren ein neues Bezahlverfahren nur, wenn es ausreichend viele Kundinnen und Kunden nutzen können (z.B. Ausstattung von Zahlkarten mit der Kontaktlostechnologie NFC). Für Verbraucherinnen und Verbraucher wiederum ist ein neues Zahlverfahren nur interessant, wenn es möglichst überall akzeptiert wird (z.B. ausreichend Händler kontaktlose Zahlungen akzeptieren). Somit dauert es länger als auf anderen Märkten, bis sich neue Verfahren durchsetzen.

Welche Faktoren sind denn ausschlaggebend für das Zahlungsverhalten?
Die Hälfte aller Befragten unserer Studie zum Zahlungsverhalten entscheiden erst an der Ladenkasse, ob sie bar oder unbar zahlen möchte. Der verfügbare Bargeldbestand ist dabei das wichtigste Entscheidungskriterium, am zweitwichtigsten ist die Höhe des Zahlungsbetrags. Bei kleineren Beträgen wird hauptsächlich mit Bargeld gezahlt. In Geschäften, in denen die Kaufsumme in der Regel sehr niedrig bleibt, wie zum Beispiel in Bäckereien, besteht zudem häufig nicht die Möglichkeit mit Karte zu zahlen. Es gibt jedoch auch Menschen, die eine der beiden Zahlweisen deutlich bevorzugen. Personen, die vorranging mit Bargeld bezahlen, sind tendenziell älter und einkommensschwächer, während die überwiegend unbar Zahlenden eher jünger und einkommensstärker sind.

97% der in Ihrer Studie Befragten besitzen eine girocard. Unter den bargeldlosen Zahlungsinstrumenten steigt der Anteil der girocard-Zahlungen kontinuierlich an, und das PIN-basierte Verfahren wird immer beliebter. Rechnen Sie mit einer Fortsetzung dieses Trends – oder kommen kontaktlose und mobile Bezahlverfahren der girocard in die Quere?

Seit dem Ende des letzten Jahres zeichnet sich ab, dass in größerem Umfang auf NFC-Technik bei Zahlungskarten umgestellt wird: Mehr und mehr Einzelhändler verfügen mittlerweile über Terminals, die kontaktlose Zahlungen akzeptieren können.

Bisher werden vor allem kontaktlose Kreditkarten ausgegeben, und die Sparkassen haben für ihr girogo-Verfahren auf die GeldKarte gesetzt. Da aber in diesem Jahr die girocard generell mit einer NFC-Funktion ausgegeben werden soll, erwarten wir in den kommenden Jahren einen deutlichen Wandel in Deutschland hin zum Kontaktloszahlen mit der Karte. Und wenn sich die Verbraucherinnen und Verbraucher erst einmal an das kontaktlose Bezahlen mit der Karte gewöhnt haben, ist der Schritt zum kontaktlosen Bezahlen mit dem Smartphone nicht mehr weit.

In Onlinehandel dominieren bisher spezialisierte Internetbezahlverfahren wie PayPal oder SOFORT Überweisung.  Wie sehen Sie hier die Marktentwicklung?
Die Bedeutung von Internetbezahlverfahren ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Inzwischen bevorzugen 55% der Studienteilnehmer die Nutzung von Anbietern wie PayPal, giropay und SOFORT Überweisung beim Bezahlen im Internet. Da vor allem jüngere Befragte (bis 34 Jahre) überdurchschnittlich häufig davon Gebrauch machen, sehen wir diese Art von Zahlverfahren als sehr zukunftsträchtig an. Diese Einschätzung scheint offensichtlich die Kreditwirtschaft in Deutschland zu teilen, denn sie führt gerade das girokontogebundene Verfahren „paydirekt“ ein.

Wenn man sich das Mediennutzungsverhalten der Gesellschaft, vor allem bei der jüngeren Generation anschaut, spiel das Smartphone ja eine zentrale Rolle. Bis wann dürften sich Ihrer Meinung nach kontaktlose oder mobile Bezahlverfahren auch in Deutschland etabliert haben? Ausschlaggebend hierfür ist ja nicht zuletzt die Akzeptanz im Handel.
Das ist richtig: In unserer letzten Studie von 2014 sehen wir zwar eine zunehmende  Bekanntheit von mobilen und kontaktlosen Bezahlverfahren, die Verfahren wurden aber bisher nicht wirklich genutzt, insbesondere aufgrund unzureichender Ausstattung der Kundschaft mit kontaktlosen Zahlungsinstrumenten und mangelnder Akzeptanzmöglichkeiten im Einzelhandel. Dies scheint sich aber seit dem letzten Jahr zu ändern. Gerade die Discounter in Deutschland akzeptieren seit Mitte 2015 zunehmend Kreditkarten. Dafür sprach sicherlich auch die Ausstattung dieser Karten mit der Kontaktloszahlfunktion, die eine schnellere Abwicklung der Zahlung an der Kasse ermöglicht. Hauptargument für dieses Umdenken hin zur Akzeptanz von Kreditkarten waren aber sicherlich die günstigeren Konditionen, die sich aus der gesetzlich verordneten Deckelung der Interbankenentgelte im Kartengeschäft ergeben haben.   

Welche Chancen räumen Sie Apple Pay in Deutschland ein, insbesondere im Hinblick auf das Thema Sicherheit, das den Deutschen ja besonders am Herzen liegt?
Apple Pay setzt auf die Kooperation mit Kartenunternehmen. Da in Deutschland die girocard die am stärksten verbreitete Zahlungskarte ist, würde ich vermuten, dass Apple Pay ohne girocard in Deutschland nicht zum Fliegen kommt. Außerdem haben in Deutschland viele Verbraucherinnen und Verbraucher kein Apple-Handy. Mögliche sicherheitstechnische Bedenken der Nutzer kommen sicherlich erst an dritter Stelle.

In Ihrer Studie heißt es abschließend: „Insgesamt betrachtet besteht in der Bevölkerung bei der Nutzung von Zahlungsinstrumenten nur wenig Bereitschaft zu Experimenten. Daher sind kurzfristige Änderungen der Zahlungsgewohnheiten derzeit nicht zu erwarten. Dennoch könnte zukünftig von nachfolgenden, an Internet und Smartphone gewöhnten Generationen, ein Wandel im Zahlungsverhalten ausgehen.“ Welche Faktoren könnten hierfür den Ausschlag geben?
Zunehmende Akzeptanz beim Händler und die zunehmende Ausstattung der Kunden mit den entsprechenden Karten und Smartphones sind entscheidend. Aber auch der jüngeren Generation sind Sicherheit sowie ein guter Überblick über ihre Ausgaben wichtig. Wenn  innovative Bezahlverfahren dies bieten können, steht einem Wandel im Zahlungsverhalten getrieben durch die heranwachsende technikaffine Generation nichts im Wege.

Frau Dr. Winter, herzlichen Dank für das Gespräch.

* Dr. Heike Winter ist in der Deutschen Bundesbank für Grundsatzfragen des Massenzahlungs-verkehrs verantwortlich. Dazu gehören die Gremienarbeit im Eurosystem und deutschen Kreditgewerbe ebenso wie die konzeptionelle Ausrichtung des Leistungsangebots der Bundesbank für Kreditinstitute. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre war sie Mitarbeiterin an einem Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie. Sie arbeitet seit Februar 1999 bei der Deutschen Bundesbank, zunächst in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und ökonomische Bildung und seit März 2007 im Zahlungsverkehr.